Dr. Axel Bernstein: Das Umbenennen von Straßen dient dem Vergessen, nicht dem Erinnern

Dr. Axel Bernstein

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Zu der in vielen Gemeinden losgetretenen Diskussion um die Umbenennung von Straßen erklärte der Landtagsabgeordnete und Historiker Dr. Axel Bernstein:

„Diese Diskussion zeigt, wie schwer sich viele im Umgang mit unserer Vergangenheit tun. Ich denke, niemand würde im Jahre 2014 auf die Idee kommen, eine neue Straße nach dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu benennen – aus guten Gründen. Ist es deshalb aber vernünftig, bestehende „Hindenburg-Straßen“ umzubenennen? Meiner Meinung nach wird niemand einen solchen Straßennamen heute als unkritische Ehrung der Person Hindenburg wahrnehmen. Die Namensgebung kann vielmehr Anlass zum alltäglichen Nachdenken darüber sein, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und verändert hat, seit unsere Vorgänger eine solche Namensgebung in ihrer Zeit für angemessen hielten. Das bloße Verbannen unbequemer Zeugnisse der Vergangenheit kann ungewollt eher dem Vergessen als dem Erinnern dienen.“
„Insbesondere bei der in Bad Segeberg von der SPD geforderten Tilgung des Namens des ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Helmut Lemke rate ich zur Besonnenheit. Gerade vor einigen Wochen hat der Schleswig-Holsteinische Landtag einstimmig eine wissenschaftliche Studie zur „geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive“ in Auftrag gegeben. Die Ausschreibung läuft und Ergebnisse sollen 2016 vorliegen. Ein Aspekt der Studie ist explizit die Integrationsleistung der jungen Bundesrepublik gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten in den demokratischen Staat. Ich hielte es für angemessen, zumindest diese Studie abzuwarten, um dann fundiert bewerten zu können, ob ein Straßenname nach Persönlichkeiten aus dieser Zeit auch heute noch eine gerechtfertigte Würdigung, eine Anregung zum Nachdenken, eine Mahnung oder in Einzelfällen auch deplaziert sein mag.“
„Eine stabile und selbstbewusste Demokratie wie Deutschland, hält auch die schweren Zeiten der Vergangenheit unseres Landes aus. Straßennamen sind auch ein Gedächtnis unserer Städte und Orte. Das soll man nicht leichtfertig tilgen. Ich würde mir vielmehr das Selbstverständnis wünschen, anstelle des x-ten „Wiesenredders“ in einem Neubaugebiet auch einmal eine Helmut-Schmidt-, Hans-Dietrich-Genscher-, oder Helmut-Kohl-Straße zu taufen“, so Bernstein abschließend.
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